Bundesliga (D)

Das Umschreiben der Hymne naht: Bayer boomt auf allen Ebenen

Aus Vizekusen kann Triplekusen werden

Das Umschreiben der Hymne naht: Bayer boomt auf allen Ebenen

Die Fans der Werkself huldigten vor dem Halbfinale gegen Düsseldorf dem Bayer-Kreuz.

Die Fans der Werkself huldigten vor dem Halbfinale gegen Düsseldorf dem Bayer-Kreuz. IMAGO/Uwe Kraft

Am Mittwochabend lag so etwas wie ein Zauber in der feuchten Luft über der BayArena. Pflichtbewusst hatte Bayer Leverkusen nach dem 4:0-Halbfinal-Sieg gegen Fortuna Düsseldorf T-Shirts zum Einzug ins DFB-Pokal-Finale vorbereiten lassen, die Fans skandierten die so überstrapazierte wie sehnsüchtige Losung: "Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin".

Geschäftsführer Simon Rolfes gab sich gewohnt seriös, sprach über das 40. Pflichtspiel ohne Niederlage so, als ginge es um nicht mehr als die Goldene Ananas: "Wir ziehen weiter durch." Die Helden in kurzen Hosen propagieren Fokus statt feiern. Aber dass rund um die BayArena aktuell nichts normal ist, sondern vieles auf einen historischen Höhepunkt zusteuert, haben inzwischen nicht nur die Fans verstanden.

Leverkusens Fans huldigen dem Bayer-Kreuz mit einer Choreographie

Werner Wenning etwa, der mächtige Boss des Gesellschafterausschusses, der Schnittstelle zwischen Aktiengesellschaft und Fußballabteilung, stattete der Kabine einen Besuch ab. Und Stürmer Patrik Schick sagte anerkennend: "Leverkusen hat lange nichts gewonnen. Das ist jetzt eine große Chance. Und wir haben den letzten Schritt dahin gemacht."

LEVERKUSEN, GERMANY - APRIL 3: Headcoach Xabi Alonso of Leverkusen reacts after his teams win during the DFB cup semifinal match between Bayer 04 Leverkusen and Fortuna Düsseldorf at BayArena on April 3, 2024 in Leverkusen, Germany.(Photo by Jörg Schüler/Bayer 04 Leverkusen via Getty Images)

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Welche Bedeutung diese Saison besitzt, was sie auslösen kann für den Verein und das Umfeld, machten die Bayer-Fans vor dem Anpfiff klar. Mit einer großen Choreographie hatten sie dem Bayer-Kreuz gehuldigt, das viele als einfache Leuchtreklame des Konzerns verschreien, das aber seit 90 Jahren steht und längst ein Wahrzeichen für die Stadt und ihre Einwohner geworden ist. Das sich diesen Status nun jedoch mit der Werkself teilen muss.

Seit 1993 herrscht bei Bayer Titelflaute

1988 gewann Bayer 04 den UEFA-Pokal, 1993 den DFB-Pokal. Seitdem herrscht bei den so ambitionierten Leverkusenern Titelflaute, obwohl die Mannschaft einige Male so nah dran war. Die legendäre Saison 2001/02 mit drei zweiten Plätzen in Liga, Pokal und Champions League ist tief ins kollektive Klub-Gedächtnis eingebrannt, aber auch 1997 und 2000 (Unterhaching!) unter Christoph Daum verpasste man nur um Haaresbreite den großen Wurf in der Liga.

2011 etwa führte Jupp Heynckes den Klub noch einmal auf Rang zwei, es folgten drei dritte Plätze - aber auch Saisons wie etwa 2016/17, als die Ära Roger Schmidt endete und Tayfun Korkut am Ende auf Platz 12 abschloss. Viel zu wenig für das immer ambitionierte Leverkusen, dessen Protagonisten sich gelegentlich mit besserem Mittelmaß zufriedenzugeben schienen.

Nun aber ist vieles anders und das belegt auch der Boom abseits des Platzes. Kürzlich begrüßte man das 50.000 Mitglied, an eine der 30.210 Karten für jedes Heimspiel kommt man oft nur über Umwege, meistens gar nicht. Die Neugier darauf, live zu erleben, was Rolfes und Trainer Xabi Alonso da aufgebaut haben, ist immens. Das wissen alle Beteiligten - und sie schätzen es. Fußball-Europa spricht über Bayer 04 Leverkusen - und eben nicht mehr nur über Bayern oder Dortmund.

Die Ära der abseits des Rasens oft grauen Maus nähert sich dem Ende

Dass der zurückhaltende und verlässliche Baske Alonso kürzlich zusicherte, auch in der kommenden Saison diesen Kader anleiten zu wollen, löst den nächsten Impuls aus: Die Ära der stets talentierten, auf dem Platz so häufig spektakulären, aber abseits des Rasens oft grauen Maus nähert sich dem Ende. Ein Titel allein würde schon alles ändern, das Double aus Liga und Pokal erst recht. Die Strahlkraft wäre außerordentlich.

Xabi Alonso, the Head Coach of Bayer 04 Leverkusen, and Josip Stanisic of Bayer 04 Leverkusen are being seen after the Bundesliga football match between Bayer 04 Leverkusen and TSG 1899 Hoffenheim at the BayArena in Leverkusen, Germany, on March 30, 2024. (Photo by Hesham Elsherif/NurPhoto via Getty Images)

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In ihrer Choreographie vor dem Spiel am Mittwochabend zitierten die Fans das Lied des Leverkuseners Sängers Dirk Maverick, "Hell in der Nacht". In diesem Song heißt über das Bayer-Kreuz: "Du bist, was meiner Stadt was gibt."

Muss Leverkusen seine Klubhymne umschreiben?

Deutlich länger und auch zuverlässiger strahlt dieses weltweit bekannte Monument der Industriekultur, das zu Beginn des Jahrtausends abgebaut werden sollte - und gegen den Massen-Protest der Leverkusener Bürger nicht nur erhalten blieb, sondern modernisiert wurde. Nun schickt sich die Werkself an, zum zweiten hell leuchtenden Wahrzeichen der Stadt an Rhein, Dhünn und Wuppermündung zu werden.

Und so könnte womöglich noch eine andere Klubhymne umgeschrieben werden müssen, obwohl sich die Titellosigkeit über die Jahrzehnte so tief in die DNA fraß, dass sich der Verein einst sogar die Wortmarke "Vizekusen" schützen ließ. In "Wir steh'n zu dir" singt Peter Lorenz vor jedem Heimspiel: "Wir haben den UEFA-Cup und den DFB-Pokal und Deutscher Meister werden wir beim nächsten Mal." Sehr wahrscheinlich wird es angesichts von 13 Punkten Vorsprung sogar schon dieses Mal sein. Und wer weiß, warum sollte aus "Vizekusen" nicht "Triplekusen" werden?

Jim Decker

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