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Die seltsame "Drei-Tore-Klage" des Toni Polster

Inoffiziell oder offiziell?

Die seltsame "Drei-Tore-Klage" des Toni Polster

Manfred Ainedter (l.) und Alexander Hiersche sehen gute Chancen für den Gewinn der Klage.

Manfred Ainedter (l.) und Alexander Hiersche sehen gute Chancen für den Gewinn der Klage. APA/EVA MANHART

Wenn ein knallroter Bentley durch die Oswaldgasse cruist, bleibt das im Wiener Arbeiterbezirk Meidling nicht unbemerkt. Ein kurzer Blick durch die getönten Scheiben bestätigt die Vermutung. Es ist Dr. Manfred Ainedter, der das edle Gefährt noch etwas suchend Richtung des Sportplatzes der Wiener Viktoria dirigiert. Der Promi-Anwalt gibt dort, in der Kantine des Regionalligaklubs, auf dessen Trainerbank seit Jahren Österreichs einst gefeierter Rekord-Torjäger Toni Polster sitzt, eine Pressekonferenz, zu einem Thema, das seit Wochen wieder vermehrt Platz in den Medien einnimmt: die drei Tore, die Toni Polster in inoffiziellen Länderspielen geschossen und nun sogar beim ÖFB eingeklagt hat.

Selbstverständlich wird auch Toni Polster erwartet. Da kommt er schon im gesponserten Opel. Am Steuer sitzt seine Frau, sie zupft noch ein wenig die Sponsor-Pickerln am Kragen des ergrauten Goalgetters zurecht, ehe er aussteigt. Er wirkt langsam in seinen Bewegungen - und kriecht kaum dem Wagen entstiegen wieder zurück. Im Inneren der Kantine, die dem Klischee, das die Wiener von derartigen Unterhaus-Etablissements haben, durchaus noch gerecht wird, warten schon drei Tablets mit Wurstsemmeln (Gurkerl und Schnittkäse beinahe vornehm auf zwei Extra-Tellern), als Dr. Ainedters Handy läutet. "Oje", hört man ihn von der Budel (wie es hier wohl heißt), wo er in seiner Kaffeetasse rührt. "Des is schlecht. Na, dann fahrst am besten ins Meidlinger."

Die Klage

"Ja, es ist elf Uhr, guten Morgen allerseits", begrüßt Dr. Ainedter die zahlreich erschienenen Medienvertreter. Er nimmt den Platz unter dem Polster-Poster mit der Viktoria-Krähe ein, der eigentlich für Toni Polster reserviert war. An seiner linken Seite sitzt Dr. Alexander Hiersche, ein Vereinsrechtler, den er sich als Verstärkung für die Fußball-Causa geholt hat, der Platz an seiner rechten Seite ist leer. "Eine schlechte Nachricht zu Beginn: Toni Polster ist kurzfristig erkrankt, er hat Schüttelfrost und ist auf dem Weg ins Spital, weshalb Sie also mit uns vorlieb nehmen müssen." Und mit seiner Version der Geschichte. Bei einer Veranstaltung habe er, Ainedter, sich "den Jammer" des Toni Polster angehört, mit dem dieser seit Jahren in den Medien hausieren geht: Er habe 47 und nicht 44 Tore in der österreichischen Nationalmannschaft erzielt.

Jahrelang habe er damit den ÖFB gelöchert, sei jedoch nur hingehalten worden mit der Erklärung, dass man nichts tun könne, weil es sich bei diesen Toren - konkret ein Tor beim 6:0 gegen Liechtenstein im Juni 1984 und zwei Tore beim 3:1 gegen Tunesien im Februar 1987 - um Tore in inoffiziellen Länderspielen gehandelt hätte. "Jetzt bin ich auf diesem Gebiet kein ausgewiesener Fachmann, aber ich bin davon ausgegangen, dass es Freundschaftsspiele und Bewerbsspiele gibt. Dass es inoffizielle Länderspiele gibt, ist mir nicht bekannt. Und es gibt sie auch nicht." Also habe man Klage gegen den ÖFB und seine Monopolstellung eingereicht.

Warum inoffiziell?

Aber es gab sie, die inoffiziellen Länderspiele. Aus verschiedenen Gründen. Nicht nur beim ÖFB, sondern bei fast allen Nationalverbänden. Ob zu Recht oder zu Unrecht wird nun ein Gericht klären. In den drei konkreten Fällen (neben den beiden erwähnten Länderspielen geht es auch um ein Länderspiel gegen Marokko im Februar 1988, in dem Polster ohne Torerfolg blieb) war jedesmal im Vorfeld klar deklariert (und auch in den damaligen Tageszeitungen nachzulesen), dass es sich um "inoffizielle Länderspiele" handelte. Zum einen konnte man dadurch mit dem Gegner ein höheres Austauschkontingent vereinbaren, als es von der FIFA vorgegeben war. Zum anderen konnte man damit die Abstellungsklauseln umgehen, die die Legionäre in ihren Verträgen mit ihren ausländischen Klubs hatten. Wenn ein Spieler laut Vertrag nur sechsmal im Jahr für Länderspiele abgestellt werden musste, machte es Sinn, Testspiele als inoffizielle Länderspiele zu deklarieren, um sie doch öfter loseisen zu können. Außerdem ersparten sich die Verbände auch Gebühren und wohl auch zumindest einen Teil an Spielerprämien.

Alles normal?

Wenn Polster und sein Anwalt nun darstellen, dass alle drei zur Diskussion stehenden Spiele ganz normale Länderspiele gewesen wären, ist das nicht richtig. Beim 6:0-Sieg gegen Liechtenstein nahm Teamchef Erich Hof auf dem Gemeindesportplatz (!) von Vaduz sechs Auswechslungen vor, obwohl zu dieser Zeit selbst in Freundschaftsspielen nur drei erlaubt waren. Das stärkste Indiz dafür, dass es sich um kein offizielles Länderspiele handelte, lieferte aber abgesehen von der vorherigen Ankündigung die Wiedereinwechslung von Alfred Drabits. Der Austria-Stürmer hatte zur Pause Gerald Willfurth Platz gemacht, kam aber in der 75. Minute für Richard Niederbacher wieder ins Spiel.

Laut Dr. Hiersche sei das allein kein Grund, dem Spiel den offiziellen Charakter abzusprechen, weil es Ausmachungssache gewesen und in der Vergangenheit nicht unüblich gewesen sei. Dass verletzte Spieler kurzfristig ersetzt und nach Behandlung wieder auf das Spielfeld zurückkehrten, war tatsächlich einmal üblich. Allerdings nur bis in die 1950er-Jahre hinein, als Wechsel grundsätzlich noch nicht gestattet waren.

Die Topscorer der Herbstsaison

Noch eine Frage stellt sich bei diesem Spiel: Wäre Toni Polster bei einem offiziellen Länderspiel überhaupt dabei gewesen? Er hat am 17. November 1982 als 18-Jähriger mit einem Tor gegen die Türkei debütiert, in der Folge aber keine weiteren Länderspiele mehr bestritten. Von den drei dem Liechtenstein-Spiel vorausgegangenen Frühjahrs-Länderspielen des Jahres 1984 war er in keinem einzigen dabei. Gegen Liechtenstein war Platz für ihn, weil die Legionäre Pezzey, Krauss, Gisinger und vor allem Schachner fehlten, aus dem Ausland nur Richard Niederbacher (damals Waregem) angereist war. Beim 3:1-Sieg in Tunesien im Februar 1987, zu dem Toni Polster zwei Tore beisteuerte, war ein Tunesier Linienrichter. Auch das ist für Dr. Hiersche kein Grund, Toni Polster die Tore nicht zuzuerkennen.

Dass die FIFA das anders sehen könnte, glaubt er nicht. "Die FIFA ist für die Führung der Länderspielbilanzen nicht zuständig, das ist einzig der nationale Verband." Dagegen spricht ein Fall aus dem Jahr 2014: Belgien besiegte Luxemburg mit drei Lukaku-Toren 5:1. Die FIFA veranlasste die Streichung des Spieles (und damit der Lukaku-Tore) aus der offiziellen Statistik, weil die Belgier sieben statt der erlaubten sechs Wechsel getätigt hatten. Und das ist kein Einzelfall.

Vorsichtiger Hicke

Einzig beim Spiel gegen Marokko, das im Rahmen des "Tournoi de France" im Februar 1988 in Toulouse stattfand, gäbe es keine Einwände technischer Natur. Da war es der neue Teamchef Josef Hickersberger, der in Ruhe ein neues Team aufbauen und das Turnier als Sichtung benützen wollte. Marokko ist auf den Wunsch Österreichs, das Spiel als "inoffiziell" abzuwickeln, eingegangen. "Hicke" hatte mit seiner Vorsicht recht: Sie ersparte Österreich ein 1:3 gegen Marokko in der Länderspielbilanz. Die Schweiz ist drei Tage später nicht darauf eingegangen, die 1:2-Niederlage in Monaco ist offiziell.

Es wäre doch spannend, vielleicht ein bissl Rechtsgeschichte zu schreiben.

Dr. Manfred Ainedter

Mit Länderspiel-Bilanzen haben Polster, Ainedter und Hiersche nicht viel am Hut. Polster will seine drei Tore, wobei es ihm dabei nicht darum ginge, seinen Rekord vor dem Angriff von Marko Arnautoivc zu schützen, wie Ainedter "mit der Stimme Polsters" anmerkte, sondern um sein Lebenswerk. Für die beiden Anwälte ist es auch "Spaß an der Freude. Das ist mal was anderes, juristisches Neuland. Es wäre doch spannend, vielleicht ein bissl Rechtsgeschichte zu schreiben."

Eine Entscheidung soll noch im Jänner fallen. Ainedter & Hiersche sind guter Dinge, dass sie mit ihrer Klage Erfolg haben werden. Dann könnte der rote Bentley vielleicht noch einmal Richtung Wiener-Viktoria-Kantine rollen. Wahrscheinlich gäbe es dann dort nicht nur Wurstsemmeln.

Horst Hötsch

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