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Ein Verlierer, der gewonnen hat: Erkenntnisse zur 109. Tour

Anschauungsunterricht in einer eigenen Liga

Ein Verlierer, der gewonnen hat: Erkenntnisse zur 109. Tour de France

Lieferten sich einen großen, aber fairen Kampf: Tadej Pogacar (li.) und Jonas Vingegaard.

Lieferten sich einen großen, aber fairen Kampf: Tadej Pogacar (li.) und Jonas Vingegaard. IMAGO/ZUMA Wire

Die diesjährige Tour de France? Chapeau allen Beteiligten, die drei Wochen lang ganz großen Sport geboten haben. Nahezu jede der 21 Etappen lieferte, weil häufig auf Biegen und Brechen umkämpft, Spannung pur. Ungeachtet der Dominanz der niederländischen Equipe Jumbo-Visma war es unterm Strich einer der packendsten Großen Schleifen durch Frankreich seit Langem. Mit einem großen Sieger Jonas Vingegaard, was wiederum vermeintlich einen großen Verlierer nach sich ziehen muss.

Und klar hat Tadej Pogacar, der zuvor zweimal in Folge die Tour für sich entschieden hatte, bei seiner dritten Teilnahme die anvisierte Titelverteidigung verfehlt. Und doch hat der 23 Jahre junge Slowene gewonnen: an Format wie an Ansehen.

Weil er zum einen nie aufsteckte, unverdrossen attackierte, auch als ihm längst klar sein musste, dass er den Rückstand auf den zwei Jahre älteren Dänen nicht mehr wettmachen würde können. Und weil er zum anderen in der Stunde der Niederlage Größe bewies. Als er auf der auf dem Col du Granon endenden 11. Etappe zu wenig aß, einen Hungerast erlitt, einbrach und mit einem Rückstand von fast drei Minuten Gelb an Vingegaard verlor, gratulierte er seinem Konkurrenten nach der Überquerung der Ziellinie umgehend.

COL DU GRANON, FRANCE - JULY 13 : Vingegaard Jonas (DEN) of Team Jumbo-Visma and Pogacar Tadej (SLO) of UAE Team Emirates during stage 11 of the 109th edition of the 2022 Tour de France cycling race, a stage of 149 kms with start in Albertville and finish in Col Du Granon on July 13, 2022 in Col Du Granon, France, 13 07 2022 ( Motordriver Kenny Verfaillie - Tour de France 2022 - Stage 11 PhotoNews Panoramic PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY

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Überhaupt lieferte das Duell der beiden in puncto Gesamtklassement in ihrer eigenen Liga Fahrenden besten Anschauungsunterricht, dass sich ein verbissenes Ringen um den Sieg und ein faires, von Respekt geprägtes Miteinander nicht ausschließen. Wenn man die großen Zeitabstände der beiden allein auf den Dritten Geraint Thomas sieht, ist man versucht zu sagen, dass dieser Zweikampf das bedeutendste Radrennen der Welt auf Jahre hinweg bestimmt. Nun ja, als sich Pogacar im vergangenen Jahr mit einem Vorsprung von 5:20 Minuten auf Vingegaard das Gelbe Trikot holte, hieß es auch, dass er auf die nächsten Jahre gesehen unschlagbar sein würde.

Es ist anders gekommen, weil Vingegaard sich weiter verbessert hat, aber auch weil seine Mannschaft, die individuell bestbesetzte war. Nicht zu vergessen, dass sie sich zudem vom gemeinsamen mehrwöchigen Höhentrainingslager beginnend generalstabmäßig in alter Team-Sky-Manier auf die Tour konzentriert hatte. Nur eine Kennzahl dazu. Im Vorfeld der Tour hatte Pogacar zehn Rennsiege eingefahren und damit vier mehr als die zwei Jumbo-Visma-Kapitäne Vingegaard und Primoz Roglic zusammen vorzuweisen.

Dass Letzterer wie im vergangenen gehandicapt Jahr von einem Sturz aussteigen musste, und dies das Team nicht schwächte, sagt viel über dessen Qualität aus. Ein Team, das mit Wout van Aert einen weiteren Ausnahmekönner in seinen Reihen hatte. Der Allrounder aus Belgien, einer der derzeit faszinierendsten Radsportler überhaupt, meisterte den Spagat scheinbar mühelos, angriffslustig auf eigene Rechnung zu fahren und zugleich Vingegaard ein wichtiger Helfer zu sein - seine drei Etappensiege und sein überlegener Gewinn des Grünen Trikots lassen grüßen.

Geschke fuhr zwar nicht ins Bergtrikot, aber in die Herzen

Betrachtet man die Tour unter der deutschen Lupe, lassen sich übrigens auch Gewinner ausmachen. Siehe den für die französische Equipe Cofidis fahrenden Simon Geschke. Rein ergebnisorientiert betrachtet hat der gebürtige Berliner auf der allerletzten Bergetappe, der insgesamt 18., das Bergtrikot an den derzeit weltbesten Bergfahrer Vingegaard verloren.

Man kann, nein muss das Ganze auch anders sehen: Der 36-Jährige hat neun Tage zuvor das gepunktete Trikot mit einem couragierten Ritt erobert und es wider aller Expertenprognosen acht Tage lang mit einem unglaublichen Kampfgeist verteidigt. Der Fast-Bergkönig der Tour eroberte sich damit die Herzen vieler Radsportfans - und dies beileibe nicht nur in Deutschland.

Simon Geschke

Bot einen großen Kampf ums Bergtrikot: Simon Geschke. IMAGO/Sirotti

Oder man nehme den deutschen Rennstall Bora-hansgrohe, der mit seinem Leader fürs Gesamtklassement, Aleksandr Vlasov, zwar den angestrebten Top-5-Platz erreichte, aber trotz großer Anstrengungen keinen Etappensieg erringen konnte - was sie prompt in manchen Kommentaren zu Verlierern werden ließen. Auch hier eine ganz andere Betrachtungsweise: Der im oberbayerischen Raubling beheimatete Rennstall ist angriffslustig und damit eine gute Tour gefahren. Und dies ungeachtet des Umstandes, dass die für die Etappenjagd vorgesehenen deutschen Fahrern Nils Politt, Max Schachmann und Lennard Kämna leer ausgingen.

Am nächsten dran war auf der 7. Etappe Letzterer, der auf dem supersteilen Finale hinauf nach La Super Planche des Belles Filles nach einer bemerkenswerten Solofahrt den Zielstrich vor Augen auf den letzten 70 Metern von Pogacar und Vingegaard überholt wurde. Dem Kampfgeist der Mannschaft hat dies keinen Abbruch getan, bis zum Schluss war sie in Fluchtgruppen vertreten, die sie größtenteils selbst initiierte.

Ein deutscher Tour-Teilnehmer konnte übrigens dann doch zwei ganz reale Siege feiern: Alpecin, das in Bielefeld beheimatete Unternehmen, durfte als Hauptsponsor der mit belgischer Lizenz fahrenden Equipe Alpecin-Fenix zwei Sprint-Etappensiege von Jasper Philipsen bejubeln - darunter den prestigeträchtigen auf den Champs-Élysées am Schlusstag in Paris.

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Weil von unterschiedlichen Betrachtungsweisen die Rede war: Dass die 3328 Kilometer der diesjährigen Tour mit der bislang schnellsten Durchschnittsgeschwindigkeit bewältigt wurden, lässt sich mit dem durchgehend schönen Wetter, dem oftmals vorherrschenden Rückenwind wie auch der insgesamt angriffslustigen Fahrweise der Teams erklären - oder einfach auch mal pauschal mit dem generellen Doping-Vorwurf.

Und in der Tat hat der Radsport, wie überhaupt der ganze Hochleistungssport, gelehrt, Bestleistungen mit einer gewissen Skepsis zu begegnen. Und dass sich der Radsport aufgrund seiner unrühmlichen Vergangenheit mittlerweile das strengste Doping-Überwachungsprogramm gegeben hat, beseitigt besagte Skepsis auch nicht wirklich. Die Fahnder hinken schließlich den Tricksern in den Medizin- und Chemielaboren in der Regel hinterher, auch eine Erkenntnis, die die Geschichte des Sports lehrt.

Skepsis ja, Generalverdacht nein

Und doch sollte man bei aller gebotenen Skepsis nicht mit einem unbewiesenen Generalverdacht um sich werfen. Und richtig seltsam wird es, wenn man seltsame Quervergleiche zieht: Wer die auf einen Pass hinauf erzielten Zeiten eines geständigen Dopingsünders wie Bjarne Riis hernimmt, die des vom ersten dänischen Gesamtsieger vor 26 Jahren erzielten mit den heutigen schnelleren vergleicht und damit meint, den definitiven Beweis von Doping gefunden zu haben, befindet sich auf dem populistischen Holzweg.

Der Radsport, wie jede andere Sportart auch, steht ja nicht still, sondern entwickelt sich gerade im unermüdlich nach verbesserungswürdigen Details suchenden Spitzenbereich stetig weiter. Selbst auf die vergangenen Jahre gesehen hat sich die Trainingsmethodik gewaltig verändert, das Material, vom Rahmen, über die Reifen bis hin zur Kleidung, ist um einiges "schneller" geworden, allein die während eines Rennens so wichtige Ernährung signifikant messbar optimiert worden, und, und, und.

Nur weil der Hobbyfahrer den wattsparenden Effekt eines aerodynamisch optimierten Trikots im Gegensatz zum hochtrainierten Berufssportler nicht nutzen kann, bedeutet dies nicht, dass es besagten Effekt nicht gibt. Selbst eine banale Sache wie ein neuer Straßenbelag macht die Fahrt den Pass hinauf schneller - auch die eines reinen Amateurfahrers.

Chris Biechele

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