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König Otto, der Kaiser von Lautern

Mann des Jahres 1997

König Otto, der Kaiser von Lautern

Dirigent am Betzenberg ab Sommer 1996: Otto Rehhagel.

Dirigent am Betzenberg ab Sommer 1996: Otto Rehhagel.

Nach diesem schwindelerregenden Höhenflug des Jahres 1997 über 37 Meisterschaftsetappen vom 0:0 in Unterhaching am 21. Februar in der 2. Liga bis zum 3:2 über den 1. FC Köln am 20. Dezember mit der Winter-Meisterschaft" in der Bundesliga begab sich der Vater aller Erfolge persönlich in schwindelerregende Höhen. Von dem nur einen Quadratmeter großen Eisenrost am Notausstieg des Presseraumes im Fritz-Walter-Stadion winkte Otto Rehhagel, gleich nach Bekanntgabe seiner Vertragsverlängerung mit dem 1. FC Kaiserslautern bis zum Jahre 2000, hinunter in den etwa zehn Meter tiefer gelegenen VIP-Raum. Dort huldigten die dichtgedrängten Fans aus der Barbarossastadt dem "Kaiser von Lautem" mit Hochrufen und stehenden Ovationen.

Otto Rehhagel, für den kicker der "Mann des Jahres", hat 1997 die schlimmste Episode in der Erfolgsstory seiner Trainerlaufbahn abgeschüttelt. Jene neun Monate bis zum 27. April 1996 auf seiner vorangegangenen Station beim FC Bayern München, wo er, auf durchaus fragwürdige und den Gepflogenheiten mitteleuropäischer Anstandsregeln widersprechende Art und Weise, förmlich demontiert worden war.

Otto Rehhagel

Nach neun Monaten als  Bayern-Trainer entlassen: Otto Rehhagel.

"ln der Pfalz ist Otto wieder zum Mensch geworden", sagt Jürgen Friedrich, Aufsichtsrat beim FCK und Ende der sechziger Jahre Mannschaftskollege Rehhagels beim 1. FC Kaiserslautern. Sogar in München gibt es Zeitgenossen, die Rehhagels Werk würdigen. "Otto Rehhagel hat es absolut verdient, als Mann des Jahres gewürdigt zu werden", sagt Thomas Helmer, der vor zwölf Monaten der "Mann des Jahres" im kicker gewesen ist und schon damals über Rehhagel geäußert hatte: "Sensationell, wie er sich vor seine Spieler stellt. Da zeigte er bei uns absolute Größe, das werde ich ihm nie vergessen."

Otto Rehhagel wäre der letzte, der herausplaudert, was er mit "meinen Jungs" in der Kabine bespricht oder was Inhalt jener Gespräche mit Spielern und deren Lebensgefährtinnen ist, die er noch auf jeder seiner Stationen, und zumeist an der Seite seiner Ehefrau Beate, bei einer Tasse Kaffee geführt hat. Dem verdankt er, nahezu ausnahmslos, eine enorme Wertschätzung in drei Spielergenerationen, mit denen er als Trainer seit exakt einem Vierteljahrhundert zusammenarbeitet.

Die Wahrheit liegt auf dem Platz.

Otto Rehhagels Motto

Eben aus diesem Grund ist der 59 Jahre alte Trainer kein Mann für die Medien, denen er, bisweilen mit durchaus gestelzten Worten, nahezu keinen Einblick in das Innenleben einer Profimannschaft gewährt - geschweige denn in das eigene. "Die Wahrheit liegt auf dem Platz", lautet Rehhagels Leitspruch, vorher und hinterher, links und rechts geht gemäß dieser Maxime nicht am Geschehen Beteiligte auch nichts an.

Dreier-, Vierer- oder sonstige Ketten? Keine "Erfolgs-Geheimnisse"

Die oft erforschten "Erfolgs-Geheimnisse" sind für den Pragmatiker Rehhagel schlichtweg Humbug. Vorhaltungen über vermeintlich antiquierte Trainingsmethoden wischt der Altmeister mit dem jugendlichen Outfit unter Hinweis auf seine Erfolgsbilanz vom Tisch wie Debatten über Dreier-, Vierer- und sonstige Ketten als Indiz für moderne Taktik. Rehhagel macht aus dem Fußballspiel keine Wissenschaft, eben daraus resultiert seine enorme Popularität bei der Masse der Fußballfans. Der Weg durch die 2. Liga im ersten Halbjahr der Saison 1996/97, der von Rehhagel als "Crash-Kurs" bezeichnete Durchmarsch zum sofortigen Wiederaufstieg nach dem Abstiegs-Debakel des Frühjahrs 1996, wurde beim Gewinn der Meisterschaft als Selbstverständlichkeit angesehen. Obwohl ein nicht minder traditionsreicher Verein wie Eintracht Frankfurt noch heute an den Abstiegswunden des gleichen Jahres leckt.

Otto Rehhagel jubelt

Der Jubel geht weiter: Otto Rehhagel und der FCK in der ersten Halbserie 1997/98.

Mit dem Erfolgszug durch die Bundesliga als Tabellenführer an 18 der bislang absolvierten 20 Spieltage und ununterbrochen seit dem vierten Spieltag zu einem ersten Titelfavoriten avanciert, neben dem Meister und ersten Verfolger FC Bayern München, herrscht nun auch unter Rehhagels Kritikern das große Schweigen.

Saison 1997/98 - 1. Spieltag

Nur Bayern-Manager Uli Hoeneß blaffte nach der Münchner Niederlage zum Rückrundenstart in Kaiserslautern: "Rehhagel kann noch siebenmal mit Kaiserslautern Meister werden, trotzdem wird er kein Trainer für den FC Bayern." Doch der in München zum "Mann für die Provinz" abgestempelte Erfolgstrainer, womit zweifelsfrei die Städte Bremen und Kaiserslautern gemeint sein müssen, reagiert auf diesen Psychokrieg im Titelkampf nicht.

Friedrichs sendet "Neujahrsgrüße" Richtung FC Bayern

Und auf den "Nebenschauplätzen" (Rehhagel) greifen die Freunde des Trainers ein. So schickte Jürgen Friedrich unter dem Hinweis, dass er in Dresden geboren und in Frankfurt aufgewachsen sei, folgende "Neujahrsgrüße" gen München: "Wenn ich in München bin, muss ich jeden Witz dreimal erklären - das ist schon peinlich. Aus dieser Richtung kann ich das Wort Provinz nicht mehr hören.“ Rehhagel spricht über Freunde, nicht über Feinde. Mitziehen oder abtreten, dazwischen gibt es jedoch in seinem Führungsstil keine Spielräume. Da hält es der "Kaiser von Lautern" mit dem Kanzler aus Bonn, mit Helmut Kohl, der ein ausgewiesener Freund des 1. FC Kaiserslautern ist und der mit Rehhagel schon zu dessen Bremer Zeiten freundschaftliche Bande geschlossen hat.

Eines von Rehhagels Mottos: Diskretion

Diese Erfahrungen musste auch eine fußballerische Institution des 1 . FC Kaiserslautern wie Hans-Peter Briegel sammeln, der als Manager an der Seite von Otto Rehhagel Opfer seiner Kritik an der Arbeit des Trainers wurde - und im Herbst selbst den Dienst quittierte. Öffentliche Kritik verträgt sich nicht mit der Einstellung von Otto Rehhagel, für den Diskretion alles und Öffentlichkeit nichts ist. Damit ist Rehhagel immer gut gefahren, der "Kaiser von Lautern" schwingt das Zepter wieder in einem präsidialen Freundeskreis.

Rainer Franzke

Von 1990 bis heute: Alle Persönlichkeiten des Jahres