Tennis

Kyrgios verliert den Fokus: Djokovic holt zum siebten Mal den Titel in Wimbledon

Australier bei seinem ersten Grand-Slam-Endspiel geschlagen

Kyrgios verliert den Fokus: Djokovic holt zum siebten Mal den Titel in Wimbledon

Fairer Verlierer: Nick Kyrgios nahm seine Finalniederlage gegen Novak Djokovic nicht allzu schwer.

Fairer Verlierer: Nick Kyrgios nahm seine Finalniederlage gegen Novak Djokovic nicht allzu schwer. Getty Images

Im Halbfinale gegen Cameron Norrie hatte sich Djokovic einen Fehlstart erlaubt und den ersten Satz abgegeben. Gegen Kyrgios, der wegen der Aufgabe von Rafael Nadal kein Halbfinale bestreiten musste, startete der Serbe mit einem Doppelfehler ins Match - doch erst sein zweiter hatte Konsequenzen. Beim Stand von 2:2 hatte der 35-Jährige seinen zweiten Breakball gegen sich, wieder ließ ihn der Aufschlag zweimal hintereinander im Stich.

Und Kyrgios? Nervosität war beim Grand-Slam-Finalnovizen zunächst keine zu spüren, der Australier wirkte konzentriert und ließ nichts unversucht - selbst mit der linken Hand versuchte sich der 27-Jährige einmal. Sein Service kam wie aus der Ballmaschine geschossen, Djokovic war so manches Mal nicht einmal ein Pünktchen vergönnt, wenn Kyrgios den Schläger schwang. Beim entscheidenden Aufschlagspiel wackelte Kyrgios jedoch ein wenig, haderte erstmals kurz, nutzte aber seinen zweiten Satzball mit seinem siebten Ass - 6:4 nach 31 Minuten.

Djokovic wird stärker - Kyrgios verliert den Fokus

Doch wie schon gegen Norrie steigerte sich der "Djoker" bei seiner vierten Wimbledon-Finalteilnahme in Serie. Beim Stand von 2:1 nahm er Kyrgios das Aufschlagspiel zu Null ab, erstmals suchte das nun fehlerbehaftete Enfant Terrible der Tennisszene Kontakt zu seiner Box. Umso mehr, als er beim Stand von 3:5 drei Breakbälle in Folge und danach noch einen weiteren liegen ließ. Djokovic hingegen nutzte seine erste Chance sofort, nach dem ersten Satzverlust gegen den Serben überhaupt brach es endgültig aus seinem Kontrahenten heraus. Selbstgespräche, Kopfschütteln, lautstarke Beschwerden in Richtung seines Anhangs oder ans Publikum gerichtet - Kyrgios, wie er leibt und lebt.

Auch im dritten Durchgang kommentierte Kyrgios so manche Szene, beim Stand von 2:2 fing er sich eine Verwarnung ein, weil er sich über das Publikum beschwerte. Eine Dame hätte "700 Drinks" intus, sagte er vor dem Seitenwechsel zum Referee und forderte ihren Ausschluss aus der Arena. Auf dem Platz zeigte er hingegen seine Qualität, ebenso wie sein Gegenüber: Hochklassige, mitunter spektakuläre Ballwechsel entzückten Zuschauer wie Prinz William mit Familie oder auch Schauspieler Tom Cruise ein ums andere Mal. "Mir gefällt es nicht, aber er spielt trotzdem gutes Tennis", sagte der ehemalige Wimbledon Sieger Michael Stich bei "Sky" über Kyrgios.

Djokovic in den entscheidenden Momenten hellwach

Der Knackpunkt im dritten Satz dann beim Stand von 4:4. Kyrgios lag bei eigenem Service bereits mit 40:0 vorne - und verlor dann völlig den Faden. Sieben Punkte in Folge verlor der immer mehr in Rage geratende Australier, Routinier Djokovic ließ sich von den Mätzchen nicht beeindrucken und schnappte sich Satz drei mit 6:4.

Den "Diver" ausgepackt: Novak Djokovic.

Den "Diver" ausgepackt: Novak Djokovic. AFP via Getty Images

Match gelaufen? Noch nicht. Zwar blieb Kyrgios dem Lamentieren treu, pushte sich aber auch selbst, während der sechsmalige Wimbledon-Champion aus Belgrad kaum Emotionen zeigte und bis auf wenige Ausnahmen fokussiert blieb. Im vierten Satz begegneten sich die Kontrahenten wie über die meiste Zeit dieser packenden Begegnung lange auf Augenhöhe. Keine Breaks, der Tie-Break musste entscheiden.

Und auch hier gingen die Big Points an den Favoriten. Nach einer misslungenen Kyrgios-Rückhand durfte Djokovic die Arme in die Höhe reißen, der Unterlegene gratulierte nach exakt drei Stunden Spielzeit fair und hatte sogar ein breites Lächeln auf den Lippen. Für Djokovic war es der 21. Grand-Slam-Titel seiner Karriere, seit 2013 hat er auf dem heiligen Rasen des Centre Courts kein Spiel mehr verloren.

Ich hätte nie gedacht, dass ich mal so viele nette Dinge über dich sage.

Djokovic in Richtung Kyrgios

"Danke, dass ihr mich ausgehalten habt", sagte Kyrgios mit roter Kappe, nachdem er abermals Djokovic gratuliert hatte. "Er ist eine Art Gott. Ich denke, ich habe ganz gut gespielt." Selbst für die Unparteiischen fand er versöhnliche Worte und bedankte sich bei ihnen: "Ihr wisst, wir haben eine schwierige Beziehung." Er brauche jetzt erst einmal Urlaub, werde aber natürlich wiederkommen.

Djokovic sagte als erstes: "Nick, you'll be back!" Er respektiere Kyrgios sehr, "Du hast gezeigt, dass du einer der besten Spieler der Welt bist. Wir werden noch viel von dir sehen. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal so viele nette Dinge über dich sage."

Das Verhältnis der beiden galt lange als belastet und hatte sich erst dieses Jahr gebessert, als Kyrgios den ungeimpften Serben bei seiner verweigerten Einreise zu den Australian Open unterstützt hatte. Inzwischen sei es eine "Bromance", wie ein grinsender Djokovic erklärte. "Hoffentlich ist es der Beginn einer wunderbaren Beziehung."

Christoph Laskowski

Djokovic schiebt sich an Nadal ran: Diese Spieler holten die meisten Grand-Slam-Titel