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Torjäger, Rekordmann und Persönlichkeit des Jahres 2021: Robert Lewandowski

Der ehemalige Bayern-Goalgetter wurde für sein Rekordjahr 2021 zur Persönlichkeit des Jahres gekürt

Torjäger, Rekordmann und Persönlichkeit des Jahres 2021: Robert Lewandowski

Robert Lewandowski wurde vom kicker zur Persönlichkeit des Jahres 2021 gekürt.

Robert Lewandowski wurde vom kicker zur Persönlichkeit des Jahres 2021 gekürt. Getty Images

Natürlich musste es auch noch dieser Rekord sein. Und die technische Perfektion, mit der die neue Bestmarke gesetzt wurde, schmückte und würdigte die Bedeutung dieses Moments und diese großartige Gesamtbilanz im Jahr 2021. Nachdem Jamal Musiala Dayot Upamecanos aus der Tiefe geschaufelten Bogenball mit dem Kopf gezielt Richtung Tormitte gelenkt hatte, legte Robert Lewandowski seinen Körper nach rechts in Schräglage und schmetterte den Ball mit dem linken Spann aus sechs Metern Entfernung zum Tor und in einem Meter Höhe volley mittig unter die Latte. "Sehr anspruchsvoll" nannte Julian Nagelsmann, der damalige Trainer des FC Bayern, diese Aktion, mit der sein Mittelstürmer zum Finale 2021 das 4:0 gegen Wolfsburg vollendet hatte. "Und seiner Jahresleistung angemessen."

Zwei Top-Werte ragen heraus aus dieser Reihe der Superlative, zweimal schuf der Torjäger Lewandowski eine neue Dimension: Im letzten Spiel der Saison 2020/21 schob er gegen Augsburg in der 90. Minute zu seinem 41. Saisontor aus fünf Metern ein. Gerd Müllers Super-Wert von 40 Treffern, in der Saison 1971/72 vermeintlich für die Ewigkeit in die deutsche Fußball-Geschichte geschrieben, war überboten, ebenso dessen 1972er Jahresertrag von 42 Toren. Und besagten Treffer 43 lieferte Lewandowski in der 87. Minute der letzten Partie 2021 gegen den VfL, wieder ganz knapp vor Ablauf der Frist.

Robert Lewandowski, Rafal Gikiewicz

Der Rekordtorjäger: Gegen den FC Augsburg erzielte Robert Lewandowski am 33. Spieltag der Saison 2020/21 seinen 41. Treffer. Getty Images

Franciszek Smuda verblüffen solche Last-Minute-Glanztaten Lewandowskis nicht, Spuren der Resignation hat er im Charakter dieses Fußballers nie entdeckt. Viele Spieler offenbarten gelegentlich "die Attitüde, da geht heute nichts mehr im Spiel", sagt Smuda. "Bei Robert gab es diese Haltung nie", sondern immer diese Einstellung, "dass man bis zur letzten Sekunde nicht nachlassen darf." Smuda gehörte zwischen 1979 und 1981 als Abwehrkraft zum Fürther Kader in der 2. Liga Süd, er darf sich als Lewandowskis Entdecker fühlen.

gratulation an die Persönlichkeit des Jahres 2021

Während seiner Tätigkeit als Trainer bei Lech Posen suchte Smuda einen Stürmer und begutachtete neben einem zweiten Kandidaten diesen Lewandowski, der 2006/07 mit 15 Toren für Znicz Pruszkow bester Schütze der polnischen 3. Liga geworden war und seiner Mannschaft so zum Aufstieg verhalf. In der 2. Liga wurde er 2007/08 erneut erfolgreichster Goalgetter (21 Tore). Nach 30 Minuten Draufsicht war für Smuda der Fall klar: "Wenn, dann nehmen wir Lewandowski." Posens Präsident fragte nach: "Bist du absolut überzeugt?" Für Smuda gab es keinen Zweifel: "Seine ersten drei Schritte, diese Schnelligkeit, dieses Gespür, diese Nase für die Situation, in der Robert den Ball bekommen kann …" Als Beispiel nennt er Lewandowskis Treffer zum zwischenzeitlichen 4:0 gegen den VfB Stuttgart (5:0), als Lewandowski Serge Gnabrys Hereingabe eher als VfB-Verteidiger Wataru Endo erkannte und, um den berühmten Schritt schneller, ins Tor lenkte.

Wo Lewandowski früher noch Bestärkung brauchte "ist er heute eine Maschine"

"Robert ist eben eine richtige Nummer 9", sagt Smuda und erhebt sich aus dem Sessel, verlagert sein Gewicht auf das linke Standbein, um das er nun den rechten Fuß herumzieht. Mit dieser artistischen Methode hat der junge Lewandowski schon Tore für Lech gezaubert, Mitte Oktober tat er es in Leverkusen wieder so raffiniert per Innenseite-Hacke. Wo Lewandowski in seinen Anfängen in Posen zur Stärkung seiner Widerstandsfähigkeit den Kraftraum und im Training die Zweikampfhärte des ihm von Coach Smuda eigens zugeordneten kolumbianischen Abwehr-Herkules Manuel Arboleda - "Trainer, Foul!" "Kein Foul! Weiter!" - brauchte, "ist er heute eine Maschine", sagt Smuda. "Bei ihm hast du immer den Ehrgeiz gesehen, dass er dauernd mehr erreichen will." Torschützenkönig zu werden war ihm von Beginn an ein permanenter Auftrag, ein Befehl, ein Muss.

Er ist ein kompletter Fußballspieler.

Matthias Ginter über Robert Lewandowski

Jürgen Klopp, seinerzeit Trainer in Dortmund, hat diese Mentalität und Qualität live erlebt. "Wenn die Borussia samstags spielte und wir mit Lech Posen am Sonntag", erzählt Smuda, "dann war Klopp da." Als polnischer Meister und Torschützenkönig der Saison 2009/10 wechselte Lewandowski zum 1. Juli 2010 zum BVB. Der Freiburger Matthias Ginter traf schon damals auf diesen Angreifer. Das gelbe Oberteil mit der Nummer 9, das er seinerzeit eintauschte, hat einen Ehrenplatz im reichhaltigen Sortiment des großen Trikotsammlers Ginter. Mittlerweile verteidigte er 18-mal gegen Lewandowski, auch im Dress seiner weiteren Klubs Dortmund und Mönchengladbach, für beide Klubs gegen Bayern. 16 Tore gelangen Lewandowski in diesen Paarungen. In diesem Jahr begegneten sie sich in vier Partien, einmal traf Lewandowski nicht, in den anderen drei Spielen addiert fünfmal.

Robert Lewandowski

Ehre, wem Ehre gebürt: Nachdem Robert Lewandowski gegen Freiburg den ewigen Rekord Gerd Müllers eingestellt hatte, huldigte der Pole seinem Vorgänger. Getty Images for FC Bayern

Als "seine allergrößte Stärke" hat Ginter bei Lewandowski dessen "Art, wie er sich im gegnerischen Strafraum bewegt", ausgemacht. "Da ist immer Alarm bei ihm." Der manchmal entstehende Anschein, "er sei gar nicht so im Spiel, sodass man denkt, man habe ihn unter Kontrolle", täusche - weil dieser Angreifer dann doch "schwer zu stoppen" sei, da er stes auf Abpraller lauere: "Er hat immer die Lampen an." Bevorzugt peilt Lewandowski den zweiten Pfosten an, hat Ginter beobachtet und erfahren. Oft schiebt er sich bei Hereingaben vor den Verteidiger, legt auf den Mitspieler ab oder dreht sich und schließt selbst ab. "Es ist also schwierig, sich bei ihm auf eine Seite festzulegen", fasst der Abwehrmann zusammen. Im Luftkampf, gerade im Mittelfeld, registrierte Ginter schon in Freiburg Lewandowskis Versuche, "Fouls bewusst herauszuholen, damit der Gegenspieler eine Karte sieht und im Strafraum vorsichtiger sein muss".

Die Persönlichkeiten des Jahres

Sind im Sechzehner Flanken plus Lewandowski abzublocken, "muss man nicht nur ihn, sondern auch den Ball im Auge behalten", sagt der ebenfalls sehr kopfballgewaltige Ginter. Dazu seien eine sehr gute Vororientierung und Körperkontakt hilfreich, "damit er nicht frei und ungestört aufs Tor köpfen kann, wenn man das Duell verloren hat". Ginter empfindet Lewandowski als "schon schlau in den Zweikämpfen, aber er ist kein unfairer Spieler", eher "ein Vorbild" mit seiner Konstanz, die sonst keinen derart auszeichne. "Er hat immer den nächsten Schritt gemacht und wurde in den letzten Jahren zudem noch mannschaftsdienlicher", sagt Ginter. "Er ist ein kompletter Fußballspieler."

Für Jarstein muss gegen Lewandowski "alles passen"

Exakt so sagt es auch Rune Jarstein. "Robert kann einfach alles, er ist ein absoluter Ausnahmespieler", betont der Torhüter und rühmt Lewandowskis sehr intelligente Spielweise, Antizipation, Bewegungen in der Box, Athletik, Unberechenbarkeit und "natürlich den absoluten Torriecher und Killerinstinkt". Dem ehemaligen Hertha-Keeper gelang es Anfang Februar 2021 dennoch, kein Lewandowski-Tor zu fangen und sogar einen Strafstoß des sonst so sicheren Elfmeterschützen - 11 von 13 verwandelte er 2021 - zu meistern. In diesem seltenen Falle müsse für einen Tormann "alles passen", das nötige Glück inklusive. "Man kann ihn nicht lesen, du musst lange warten und im letzten Moment in die richtige Ecke gehen", sagt Jarstein. "Wenn du nur einen kleinen Moment zu früh gehst, sieht er das und nimmt die andere Ecke." Auch beim Elfmeterschießen hat sich der Kapitän der polnischen Nationalmannschaft nahezu perfektioniert. Den Torwart guckt er mit einem verzögernden Zwischenhüpfer kurz vor dem Ball aus.

Mit der Entwicklung des originären Fußballers korrespondiert die der Persönlichkeit Lewandowski, die sich "enorm entwickelt" habe, wie Uli Hoeneß betont. Ginter erlebte ihn früher "ruhiger auf dem Platz, heute spricht er mehr und versucht, auf seine Mitspieler einzugehen", sehr motivierend, zudem aufnahmebereit für Worte der Kollegen sowie "umgänglicher gegenüber seinen Gegenspielern".

Da stellte RL9 bei einer Spielunterbrechung schon mal die Frage nach Gladbachs Tabellenplatz. Lewandowskis Professionalität und Disziplin gäben ein Beispiel, sagt Ginter, "an seiner generellen Entwicklung sieht man seinen Ehrgeiz, den man auch auf dem Platz direkt spürt". In der Summe entstand daraus "absolute Weltklasse", wie Uli Hoeneß resümiert. Für den Ehrenpräsidenten der Münchner ist "das Besondere an Robert, dass er permanent auf hohem Niveau spielt". Und inzwischen werde dieser Angestellte sehr stark mit dem Klub in Verbindung gebracht, "er äußert sich immer sehr positiv über den FC Bayern und hat uns auch in schwierigen Zeiten nie mit unsachlichen Kommentaren provoziert". Hoeneß rechnet Lewandowski dieses Benehmen "hoch" an und sieht in diesem Profi "eine unheimliche Identifikationsfigur, vor allem international". So viele Tore ergäben eben "einen super Ruf".

Robert würde ich es sogar zutrauen, dass er Ministerpräsident in Polen wird.

Uli Hoeneß

In der Innenwirkung kommt Lewandowski auch auf der Hochebene der FCB-Bosse "überhaupt nicht schüchtern" rüber, obwohl sein scheuer Blick zuweilen diesen Eindruck vermittelt. Lewandowski bringt als dritter Kapitän und absolute Führungsfigur seine Meinung vor. "Robert weiß, was er will", sagt Hoeneß, "er ist absolut ausgeschlafen und hat klare Vorstellungen vom Leben." Hoeneß begegnet er als "ein Mensch, der viel nachdenkt", und als "ein intelligenter Bursche" mit einem "klaren Blick auf die Welt". Diese Fähigkeit eröffnete ihm auch nach der aktiven Zeit alle Möglichkeiten, meint der FCB-Obere: "Robert würde ich es sogar zutrauen, dass er Ministerpräsident in Polen wird, wenn er in die Politik ginge."

Bayer Leverkusen - Bayern München

Artistisch: Gegen Leverkusen traf Robert Lewandowski (Mitte) technisch versiert per Innenseite-Hacke. DeFodi Images via Getty Images

Die Rede auf großer Bühne beherrscht er schon, wie er bei der vom kicker organisierten Verleihung des Goldenen Schuhs, den er als Europas bester Torschütze 2020/21 erhielt, bewies; wie auch beim Ballon d’Or, wo er als sichtlich enttäuschter Zweiter trotzdem souverän Lionel Messi zum überraschenden 1. Platz gratulierte. Der Sport solle "immer verbinden, nie trennen, im Sport wie im Leben sollte immer das Fairplay zuerst kommen", sagt er ausgangs 2021. "Und wenn meine Haltung auf dem Platz und meine Arbeit mit der kicker-Auszeichnung als Persönlichkeit des Jahres honoriert werden, kann ich versichern, dass ich sehr stolz darauf bin. Es ist der optimale Jahresabschluss." Jeder Preis sei für ihn "einzigartig und wertvoll", betont Lewandowski. Dennoch könne er nicht vergessen, was am wichtigsten sei, merkt er mit einem Zwinkern an, "das nächste Spiel". Der Ehrgeiz ohne Ende findet bei Lewandowski längst noch kein Ende.

Dieser Text erschien am 27. Dezember 2021 im kicker.

Karlheinz Wild

Von 1990 bis heute: Alle Persönlichkeiten des Jahres