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"Über allem thront der Pokal-Sieg": Fredi Bobic, der Mann des Jahres 2018, im Interview

Frankfurts damaliger Sportvorstand wurde 2018 vom kicker ausgezeichnet

"Über allem thront der Pokal-Sieg": Fredi Bobic, der Mann des Jahres 2018, im Interview

Fredi Bobic wurde 2018 vom kicker zum Mann des Jahres gekürt.

Fredi Bobic wurde 2018 vom kicker zum Mann des Jahres gekürt. imago/photoarena/Eisenhuth

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Der schweißtreibende Fußweg von der Metrostation Cipro zum palastartigen Mannschaftshotel der Eintracht über den Dächern Roms führt unentwegt bergauf. Für das Gespräch mit dem kicker (am 12. Dezember 2018, Anm. d. Red.) am Tag des Spiels gegen Lazio (2:1)  hätte es keinen passenderen Treffpunkt geben können. Denn auch hinter Fredi Bobic lag seit seinem Amtsantritt bei der Eintracht am 1. Juni 2016 ein schwerer Weg. Erfolgreich drehte er den Klub auf links, überwand Vorurteile und Widerstände. Der Pokalsieg 2018, der Triumphzug durch Europa und das beste Eintracht-Sturmtrio seit einem Vierteljahrhundert werden auch mit dem Namen des damaligen Sportvorstands (Bobic verlies die Eintracht im Sommer 2021, Anm. d. Red) eng verknüpft.

Als aktueller "Mann des Jahres" treten Sie in die Fußstapfen von erfolgreichen Protagonisten wie Joachim Löw, Jürgen Klopp, Franz Beckenbauer oder Lothar Matthäus. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung, Herr Bobic?

Sie erfüllt mich mit Stolz. Ich betrachte diese Ehrung aber nicht nur als Auszeichnung für mich persönlich, sondern vor allem als Anerkennung für das Mitarbeiter-Team, das ich zusammengestellt habe. Ich stehe zwar in der Verantwortung, aber das kannst du nie alleine schaffen. Meinen tollen Mitarbeitern wird das weiteren Antrieb geben - sie wissen, dass ich das so einschätze, dass das eine Auszeichnung für uns alle ist.

Frankfurts DFB-Pokal-Sieg 2018

2018 ist bei Eintracht Frankfurt mit dem Pokalsieg, dem Wechsel auf der Trainerposition, den Umwälzungen im Kader und der Europa League viel passiert. Wie fällt Ihr persönliches Fazit aus?

Das Jahr 2018 war für die Eintracht, für uns alle, sehr aufregend und - positiv gemeint - sehr aufwühlend. Wie in jedem Fußballverein gab es Höhen und Tiefen. Über allem thront der grandiose DFB-Pokal-Sieg, der nicht nur diesem Verein, sondern der gesamten Region und vor allem den unzähligen Fans unheimlich viel gegeben hat.

Welcher innere Spielfilm läuft ab, wenn Sie an das Finale und den 3:1-Sieg gegen die Bayern denken?

Das Tor zum 3:1 natürlich, Mijat Gacinovics unendlicher, wahnsinniger Lauf. Das ganze Stadion vibrierte, fast alle erhoben sich plötzlich, selbst mich riss es aus dem Sitz, was unüblich ist - und dann macht er die Kugel rein … In diesem Moment realisierte ich: Wir haben es geschafft.

Fredi Bobic, Niko Kovac, Bruno Hübner

Jubel im Cabrio: Fredi Bobic mit dem Pokal, Ex-Coach Niko Kovac und Frankfurts früherem Sportdirektor Bruno Hübner. imago/Jan Huebner

Was löst dieser Titel jetzt, sieben Monate später, bei Ihnen aus?

Ich sehe den Pokalsieg als Verpflichtung für die Zukunft. Emotional gesehen ist man zwar stolz, dass man etwas erreicht hat, man weiß aber - und das war das Wichtigste direkt nach Berlin -, dass man die Ärmel jetzt noch weiter hochkrempeln muss.

Weshalb?

Weil du viel einfacher nach unten als nach oben kommst und wir den Anspruch haben, erneut eine ordentliche Saison zu spielen. Außerdem sahen wir die Europa League von Anfang an nicht als Abenteuer, sondern als Chance, weiter zu wachsen und noch besser zu werden. Nach einem solchen Sieg kannst du mal ein, zwei Tage richtig Gas geben, Spaß haben, feiern und alles laufen lassen. Doch im Erfolg werden die größten Fehler gemacht. Deshalb muss der Kopf danach wieder frei sein und die Gedanken müssen nach vorne gerichtet werden. Diese Einstellung musst du an alle weitergeben, damit jeder weiß: Wir müssen jetzt noch zielstrebiger und noch besser arbeiten, weil es schwer ist, oben zu bleiben.

Woher rührt Ihr persönlicher Ehrgeiz?

Es ist weniger Ehrgeiz, vielmehr sehe ich es als Verpflichtung. Und das habe ich in die Wiege gelegt bekommen: hart zu arbeiten und konsequent zu leben. Meine Eltern waren und sind da immer Vorbild. Sie haben es geschafft, sich von klein auf etwas aufzubauen. Beide haben bei Daimler in Stuttgart tagtäglich hart gearbeitet und haben uns - meiner Schwester und mir - dies mitgegeben, ja vorgelebt: Es wird dir nichts geschenkt. Für Erfolg oder Misserfolg bist du selbst verantwortlich.

2018 als erfolgreichstes Jahr? "Wenn man es vom Titel abhängig macht, ist es vielleicht so"

Gibt es darüber hinaus ein Vorbild in Ihrem Leben?

Da gibt es viele, weil ich sehr viel beobachte. Politiker, Wirtschaftsbosse, Sportfunktionäre: Von vielen habe ich mir Nuancen abgeschaut. Zwei Menschen aber haben mich in meiner Funktionärs- Laufbahn schon ein wenig geprägt: Gerhard Mayer-Vorfelder, der legendäre VfB- und spätere DFB-Präsident, und Wolfgang Steubing, Aufsichtsratschef unserer Eintracht. Beide haben ihr Leben mit Konsequenz, Zielstrebigkeit, Nachhaltigkeit und vor allem Zuverlässigkeit aufgebaut. Das sind Eigenschaften, die auch mir sehr wichtig sind.

Beurteilen Sie das Jahr 2018 als das erfolgreichste in Ihrer Zeit als Funktionär?

Wenn man es vom Titel abhängig macht, ist es vielleicht so. Aber persönlich sehe ich eher die Gesamtentwicklung. Am meisten stolz bin ich darauf, wie wir uns in den vergangenen zweieinhalb Jahren entwickelt haben. Viele Sachen griffen genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Das Team arbeitet gut, und die Eintracht präsentiert sich ganz anders. Sie hat diese Metamorphose, die ich einforderte, mitgemacht.

Auf welche Widerstände trafen Sie, welche Veränderungen schoben Sie an?

Ich musste unheimlich viele Personalthemen anpacken und auch altgedienten Mitarbeitern mitteilen, dass ihr Weg bei Eintracht Frankfurt nicht mehr weitergeht, dass sie nicht mehr am richtigen Platz sind, ich anders und dynamischer denke. Ich brauchte neues Personal, das motiviert, innovativ und in die Zukunft gewandt ist. Das war nicht so einfach … Natürlich gab es Widerstände und Rückfragen: Müssen wir das machen? Genauso gab es bei der Kaderplanung viele Personalthemen. Ich fing 2016 mit einem kleinen Budget an, konnte 2,5 Millionen Euro investieren, musste damit aber einen kompletten Kader planen. Das kann man sich heute kaum vorstellen. Es gab viele Themen, bei denen es geknackt hat. In dieser Position wirst du immer auch unbequeme Entscheidungen treffen müssen.

Geht der Verein das Risiko ein, dass ein zu großes Vakuum entsteht, wenn Sie eines Tages gehen und Ihre Vertrauten mitnehmen?

Da reden wir von ungelegten Eiern. Eines ist klar: Wenn du in der Verantwortung stehst, brauchst du Leute, denen du absolut vertrauen kannst - sonst kannst du keinen Erfolg haben. Aber niemand muss Angst haben, dass von heute auf morgen alles zusammenbricht. Es ist wichtig, dem Klub eine Ethik des Arbeitens mitzugeben. Da hat die Eintracht eine etwas andere Herangehensweise gebraucht.

Wir haben die Massen in Deutschland und Europa damit begeistert, wie wir diesen Wettbewerb annehmen.

Fredi Bobic

Sie kündigten schon vor der Sommer-Vorbereitung an, durch die Gruppenphase der Europa League marschieren zu wollen. Das hat die Mannschaft eindrucksvoll umgesetzt. Lautet die Zielsetzung nun, auch durch die K.-o.-Phase zu marschieren?

Das lässt sich leicht sagen … (lacht) Eine K.-o.-Phase ist aber etwas komplett anderes. Das ganz klare Ziel war: Wir wollen die Gruppenphase überstehen! Das habe ich bewusst so gesagt, damit jeder total fokussiert ist. Was ab der K.-o.-Phase passiert? Da bin ich ziemlich entspannt, das hat mit den Gegnern zu tun, außerdem brauchst du Spielglück, da es immer nur zwei Partien sind. Ich freue mich, dass wir uns in einer richtig starken Gruppe als Tabellenerster durchgesetzt haben und in Europa überwintern. Wir haben die Massen in Deutschland und Europa damit begeistert, wie wir diesen Wettbewerb annehmen. Wenn man sieht, wie die Fans sich und den Verein präsentieren und die Spieler durch die Gruppenphase getragen haben, können wir sicherlich noch die eine oder andere Runde überstehen. Dass wir den Anspruch haben, weiterzukommen, ist doch klar.

Die Auslosung bescherte Frankfurt mit Schachtar Donezk einen Teilnehmer aus der Champions League. Wie schätzen Sie die Chancen ein?

Das ist natürlich eine riesige Herausforderung. Es ist das schwerste Los, das im Topf lag, auch wenn der Name dem gewöhnlichen Fan vielleicht nicht so geläufig ist. Die haben wirtschaftliche Möglichkeiten ohne Ende und große sportliche Potenz. Dennoch sage ich: Wir sind Eintracht Frankfurt, und unser Weg soll noch nicht zu Ende sein. Wir sind nicht der Favorit, aber auch nicht chancenlos.

Bobics Credo: "Träumen dürfen alle"

Anfang 2018 erklärten Sie, dass ein einstelliger Tabellenplatz für die Eintracht wie ein Titel sei. Inwieweit hat sich die Messlatte durch den Pokalsieg und die erfolgreiche Hinrunde nach oben verschoben?

Das sehe ich immer noch so, denn es bedeutet, dass wir konkurrenzfähig sind und in dem Haifischbecken Bundesliga eine sorgenfreie Saison spielen können. Natürlich könnte man sagen, dass ein einstelliger Tabellenplatz Normalität sein muss. Aber so weit sind wir noch nicht. Wir sind auf einem guten Weg.

Eintracht-Trainer Adi Hütter sprach schon vor Wochen von dem Ziel, sich oben festbeißen zu wollen.

Das muss auch das Ziel sein, wenn man vorne dabei ist.

Aber wie realistisch ist es, dass die Mannschaft bis zum Schluss oben mitmischen und vielleicht sogar die Champions-League-Plätze angreifen kann?

Träumen dürfen alle. Wenn du länger in den Top 5 vertreten bist, willst du dranbleiben. Aber ich weiß, wo wir realistisch hingehören, das kann man anhand der wirtschaftlichen Faktoren sehen.

Wo gehört die Eintracht denn hin?

Das wird immer zwischen Tabellenplatz 9 und 12 sein. Trotzdem wollen wir einen Top-Job machen. Wir leben von unserem Teamgeist, im Verein, aber auch in der Mannschaft. Wenn wir alle gut arbeiten, können wir immer wieder überperformen und das Ziel Europa angreifen. Aber das einfach nur so als Ziel auszusenden, das wäre falsch - du musst wirklich von Spiel zu Spiel denken und die Entwicklung beobachten. Die Rückrunde wird jetzt zeigen, ob wir das, was wir in der Hinrunde geschafft haben, konservieren und weiterentwickeln können. Dann hätten wir gute Möglichkeiten, vielleicht auch mal weiter vorne reinzustoßen.

Neben dem Stadion entsteht ab 2019 ein neues Zentrum für die Profis und Mitarbeiter, die Arena soll mit Blick auf die EM 2024 ausgebaut und modernisiert werden. Besteht vor dem Hintergrund dieser Projekte eine reelle Chance, in die Phalanx der Großen einzudringen und sich dort zu behaupten?

Das sind wichtige Themen. Eigentlich müssen wir im Vorstand in kürzester Zeit, also in drei bis fünf Jahren, das bewerkstelligen, wofür andere Klubs zehn bis 15 Jahre Zeit haben. Das ist wirklich schwierig. Wir müssen ein unheimlich hohes Tempo fahren und dürfen uns nicht verstricken. Das Tempo wird vor allem durch den Sport bestimmt, denn die Ergebnisse sind das Wichtigste. Wenn es auf dem Platz nicht funktioniert, stocken die anderen Themen auch. Man kann vom Boom reden, aber der Motor wird immer der Fußball bleiben. Wir sind ein Fußballverein, das dürfen wir nie vergessen. Gleichwohl sind auch die anderen Themen sehr wichtig für die Eintracht, denn da müssen wir verdammt schnell aufholen, soviel Zeit haben wir gar nicht. Wir müssen neue Erlösmöglichkeiten erschließen, um wirtschaftlich unabhängiger zu sein.

Vor der Saison verlängerten Sie bis 2023. Sie betonen immer, wie wichtig es Ihnen ist, frei entscheiden und etwas aufbauen zu können. Inwieweit ist die Weiterentwicklung der Eintracht die Grundvoraussetzung, dass Sie Ihren Vertrag erfüllen?

Ich möchte mich persönlich immer weiterentwickeln, dementsprechend fahre ich das Tempo extrem hoch. Glücklicherweise habe ich gerade durch den Aufsichtsratsvorsitzenden Wolfgang Steubing die Freiheit, genau so vorgehen zu können und viele Sachen zu verändern, auch anzuschieben. Das ist ein hohes Gut, das mir eine gewisse Unabhängigkeit gibt. Das tut mir sehr gut, ich kann frei arbeiten. Wie lange das gehen kann? Ich muss immer das Gefühl haben, dass sich etwas bewegt. Wenn ich merke, dass sich nichts bewegt, wird es schwierig. Alle müssen an einem Strang ziehen - und dieses Gefühl habe ich aktuell, bei meinen Vorstandskollegen genauso wie beim Aufsichtsrat.

Adi Hütter, Fredi Bobic

Als Nachfolger für Niko Kovac lotste Fredi Bobic Adi Hütter nach Frankfurt. imago/DeFodi

Im August sagten Sie in einem kicker-Interview bezogen auf Hütter: "Seine Art des Fußballs ist gar nicht so weit weg von der aus der vergangenen Saison." Angesichts des Offensivspektakels würden Ihnen die meisten Zuschauer wohl widersprechen. Müssen Sie diese Einschätzung revidieren?

Nein, wir wussten, dass er offensiver und aktiver Fußball spielen lassen will. Das ist ein Tick anders. Aber Niko Kovac hatte zunächst ganz andere Voraussetzungen, man kann keinen fairen Vergleich ziehen. Was beide ausmacht, ist die unheimliche Geschlossenheit, der Gedanke, dass das Team wichtig ist, nicht so sehr der Einzelne. Nur als gemeinsame Truppe können wir die Großen ärgern. Da sind sie sich sehr ähnlich, sie pflegen eine klare Ansprache und einen menschlichen Umgang mit den Spielern. Die Basis, um das Spiel zu verändern, wurde unter Niko geschaffen, jetzt wird die Spitze draufgesetzt. Man darf nicht vergessen, dass sich auch die Spieler weiterentwickelt haben, Typen wachsen heraus. Bei Sebastien Haller zum Beispiel sagte ich bei seiner Verpflichtung, dass er ein Jahr brauchen werde, um richtig in der Bundesliga anzukommen. Dazu kommen junge, hungrige Spieler wie Evan Ndicka oder ein Mann wie Filip Kostic

… dessen Verpflichtung auch Skepsis hervorrief.

Ich war gegen alle Widerstände 100-prozentig sicher, dass er bei uns funktionieren wird.

Wir sind jetzt für viele Spieler nicht mehr die gefühlt letzte Chance.

Fredi Bobic

Woher kam diese Überzeugung?

Weil ich den Jungen kenne und weiß, was er im Tank hat. Nicht ein einzelner Spieler ist dafür verantwortlich, wenn ein Verein absteigt, sondern alle. Aber können sie sich überhaupt entfalten und entwickeln, wenn sie drei Trainer pro Saison haben? Als ich als Spieler nach Dortmund kam, hatte ich im ersten Jahr vier Trainer. Wie willst du dich da weiterentwickeln? Das geht nicht, und das bedeutet, dass du auch keine gute Saison hast. Wenn auf den führenden Positionen Kontinuität herrscht, wirst du immer eine Entwicklung sehen.

Sie sprachen den Teamgeist an. Der setzt eine starke Mentalität voraus. Gelson Fernandes sagte zuletzt im kicker-Interview: "Wir haben keinen einzigen schlechten Charakter! Wenn wir nur einen hätten, würde er rausfliegen." Woran erkennen Sie, ob ein potenzieller Neuzugang die nötige Mentalität besitzt?

Das hat viel mit Erfahrungswerten und auch dem Bauchgefühl zu tun. Ich achte auf die Mimik und darauf, was und wie jemand etwas sagt. Es gibt Gespräche, in denen du Bauchschmerzen bekommst und feststellst: Das wird wahrscheinlich nichts, obwohl du vom Spieler sportlich überzeugt bist. Trotzdem kann man mal falschliegen, denn ein Spieler kann dir etwas vorspielen. Eigentlich spürst du das aber, wenn du lange in dem Geschäft bist und selber diesen Sport gemacht hast. Das ist der Vorteil der ehemaligen Fußballer. Wo die Eintracht einen großen Sprung gemacht hat: Wir sind jetzt für viele Spieler nicht mehr die gefühlt letzte Chance, sondern ein riesiges Sprungbrett.

Sebastien Haller, Luka Jovic und Ante Rebic sorgen national und international für Aufsehen. Wer aus dem Trio ist am ehesten unverzichtbar?

Die Kombination aus dem Trio ist sehr positiv, eigentlich ist nie einer verzichtbar. Aber es funktioniert auch, wenn der eine mal nicht da ist. Sie sind komplett unterschiedliche Spielertypen. Ante ist der, bei dem man weiß, dass jetzt etwas passieren kann, wenn er am Ball ist. Sebastien ist der, der brutal für die Mannschaft lebt, unfassbar viel macht. Und Luka ist das Schlitzohr, das - lustig gemeint - irgendwo herumsteht und aus einer Nicht-Chance ein Tor macht. Er ist der Strafraum-Stürmer mit dem Näschen. Jeder ist von seiner Art her verschieden, das macht es so spannend. Ich freue mich auch, dass Goncalo Paciencia zurückkommt - der brennt.

Fredi Bobic, Ante Rebic

Coup im Sommer: Nach dem Pokalgewinn verlängerte Fredi Bobic mit Vizeweltmeister Ante Rebic. imago/Nordphoto

Hat einer aus dem Trio das Zeug zum Weltstar?

Wenn Luka noch das eine oder andere lernt, hat er auf jeden Fall die große Chance, dies zu schaffen. Er ist viel besser geworden, muss aber wissen, dass er oft noch ein paar Schritte mehr machen und noch mehr für die Mannschaft arbeiten muss. Ante ist schon weltweit bekannt durch die Weltmeisterschaft in Russland, er hat wie auch Sebastien unheimlich viel Potenzial.

Sollte es überhaupt das Ziel sein, diese Spieler zu halten? Oder müssen Sie nicht vielmehr darauf achten, hohe Ablösesummen zu generieren?

Es wird immer größere Fische im Teich geben, die weitaus mehr bezahlen können. Die Frage wird sein: Wie weit können wir gehen? Wie viel Erfolg haben wir wirklich? Sollten wir mal in der Champions League spielen, könnten wir uns ganz anders aufstellen. Aber wir müssen organisch gesund wachsen - das geht nicht von heute auf morgen.

Was würde passieren, sollte ein größerer Klub Sie plötzlich abwerben wollen?

Aktuell mache ich mir darüber gar keinen Kopf, denn ich kann mich nur mit Dingen beschäftigen, die Realität sind. Mit der Verlängerung habe ich mich zum Klub bekannt. Ich liebe es, bei der Eintracht zu arbeiten, das macht riesigen Spaß, ich bin glücklich. Aber ich kann nie sagen, was in fünf, sechs Monaten oder in zwei Jahren sein wird. Ich fokussiere mich darauf, wie wir uns im Winter aufstellen, was wir im Sommer machen.

Was planen Sie im Januar? Muss wegen Lucas Torros Schambeinentzündung ein Sechser kommen?

Wir werden nicht so viel machen müssen. Lucas’ Verletzung hat uns getroffen, der Junge war auf einem richtig guten Weg. Aber er hat die Mentalität, um noch stärker zurückzukommen. Dennoch gibt es die Überlegung, für diese Position aktiv zu werden. Wirtschaftlich ist es aber gerade nicht so einfach, wir haben im Sommer sehr viel aus dem Tank gelassen und jeden Euro investiert. Bei einigen Spielern ist es uns nicht gelungen, sie abzugeben.

Bobic über Kovac: "Niko ist ein Kämpfer"

Richten wir den Blick über die Eintracht hinaus. Vor der Saison sagten sie in der Bild zum Titelkampf in der Bundesliga: "Er wird nicht mal ansatzweise spannend sein. So wie ich Niko Kovac kenne und so wie er arbeitet, hat kein anderer eine Chance im Titelrennen." Haben Sie Ihren Ex-Trainer überschätzt?

Nein. Es ist deutlich zu sehen, dass die Bayern intern sehr viele Probleme hatten. Das kannst du vorher nicht erahnen, da bin ich auch zu weit weg. Ich habe allerdings auch immer gesagt: Nur die Bayern entscheiden, ob jemand anderes Meister wird! Genau so ist es. Jetzt müssen sie kämpfen und schauen, dass sie an Dortmund wieder herankommen. Das wird schwer, weil die Borussia eine Stärke entwickelt und eine Selbstverständlichkeit gefunden hat, sich an der Spitze zu etablieren.

Wie wichtig ist es für die Attraktivität der Liga, dass mit dem BVB ein anderer Klub an der Spitze steht?

Es ist schön, dass an der Spitze Bewegung herrscht. Die Fans sind doch froh, dass es spannend wird: Können die Bayern noch herankommen? Kann Dortmund das komplett durchziehen? Spielt Gladbach als der große Unbekannte auch noch mit? Das hat die Liga gebraucht. Eigentlich müssen wir den Bayern dankbar sein, dass sie sich diese Probleme gemacht haben. Aber sie werden wiederkommen und Serienmeister werden, wenn auch vielleicht nicht in dieser Saison.

Glauben Sie, dass Kovac noch richtig durchstartet?

Niko ist ein Kämpfer, in seinen Genen gibt es kein Aufgeben. So war er als Spieler, so ist er als Trainer und als Mensch. Ich hatte keine Zweifel, dass er seinen Weg gegen alle Widerstände gehen wird. Die Entwicklung seit dem Düsseldorf-Spiel gibt ihm recht.

Wie fällt Ihr generelles Fazit des Fußballjahres aus?

Es war ein turbulentes Jahr, auch beim DFB und in der Liga war viel los. In der ersten Jahreshälfte gab es schlechte Europapokal-Ergebnisse, hinzukam das Ausscheiden in der Gruppenphase der WM. Dafür stiftet die zweite Hälfte neue Hoffnung: In der Nationalmannschaft beweisen sich neue junge Burschen, im Europacup geben die meisten deutschen Klubs eine gute Figur ab, die Liga ist spannend.

Ganz ehrlich: Kein Mensch braucht die Nations League.

Fredi Bobic

Süffisant ausgedrückt wird es künftig in der Nations League leichter, weil Deutschland abgestiegen ist.

Das ist schon amüsant. Erst hat jeder gesagt: Wofür brauchen wir die Nations League? Plötzlich ist Deutschland abgestiegen, und jetzt heißt es: Oh Gott, wir sind abgestiegen! Ganz ehrlich: Kein Mensch braucht die Nations League. Ob du gegen Holland spielst oder nächstes Mal gegen Island - es werden Freundschaftsspiele bleiben. Dieser Titel ist nichts wert, da bin ich ketzerisch. Unser Fokus muss auf der Qualifikation für die Europameisterschaft liegen - und die werden wir bestehen.

Ein Wettbewerb lebt davon, dass die Fans eine emotionale Verbindung zu ihm aufbauen. Das ist bei der Nations League nicht der Fall.

So ist es. Das ist eine nette Spielerei. Für kleinere Nationen ist das vielleicht spannend, sie können aufsteigen und auch mal gewinnen. Es ist doch schön, wenn Andorra gegen San Marino spielt und einer gewinnt. Man sollte das aber nicht so wichtig nehmen. Neben der Qualifikation für die großen Turniere muss die Entwicklung der Mannschaft im Fokus stehen. Vielleicht hat das Ausscheiden in der WM-Gruppenphase auch etwas Gutes. Jede große Nation hat diese Schmerzen schon gehabt. Jetzt waren halt wir mal dran, aber es ist ja nicht so, dass wir keine guten Fußballer mehr haben …

Die deutsche Nation war nach dem WM-Aus zweigeteilt, ob Joachim Löw noch der richtige Bundestrainer ist. Wie beurteilen Sie das?

Ich kann mir aktuell keinen besseren Nationaltrainer vorstellen und habe schon nach der WM gesagt: Wenn er die Kraft und den Willen hat, sich zu verändern und den Neuanfang zu wagen, ist er der beste Mann für die Nationalmannschaft, da er die nötige Erfahrung hat. Ich glaube, dass er in den letzten zwei, drei Spielen wieder richtig Feuer gefangen hat - mit der Vorstellung der Entwicklung einer neuen Mannschaft. Diese Chance muss man ihm geben.

Wird mit der ab 2021 geplanten Europa League 2 das Rad endgültig überdreht?

Ich kann mit der Europa League 2 nichts anfangen und halte sie für Schwachsinn. Die großen Nationen sollten da gar nicht mitmachen. Wenn es für die kleinen Nationen noch eine Europa League gibt, ist das okay. Dann ist allen in der UEFA geholfen und jeder behält seinen Posten … Darum geht es doch oft, wenn neue Wettbewerbe entworfen werden. Das ist wie mit der Europameisterschaft 2020 in zwölf Ländern. Na super! Wer ist bloß auf diese Idee gekommen? Aber da kriegt man eben seine Stimmen. Wir müssen aufpassen, dass wir die Fans mit solchen Wettbewerben nicht noch mehr übersättigen.

Stichwort Videobeweis. Beim Besuch des kicker vor einem Jahr sagten Sie: "Das Schiedsrichterwesen muss professionalisiert werden. Wir können nicht mehr weitermachen mit diesem föderalen System. Das ist ja wie in der Schulbildung - eine Vollkatastrophe!" Wie sehen Sie die Lage heute?

Wir sind mit der Situation überhaupt nicht zufrieden. Einfache Dinge werden kompliziert gemacht, keiner weiß mehr, was ein Handspiel ist. Wann wird eingegriffen? Und wann nicht? Was ist ein klares Vergehen? Woche für Woche passiert zu viel, bei dem wir Fußballer uns an den Kopf greifen. Wir müssen überlegen, wie wir zusammen Lösungen finden, um die Dinge einfacher zu gestalten. Wir waren auf einem guten Weg, aber nun gab es wieder eine Phase, die für viele Vereine und den Fußball insgesamt schmerzhaft war. Doch wir müssen VA-Chef Dr. Jochen Drees auch noch ein bisschen Zeit geben, er hat erst angefangen.

Wie finden Sie die Idee, ehemalige Profis für den Videobeweis einzubinden?

Ehemalige Profis sehen sofort, ob jemand eine normale Bewegung macht oder etwas vortäuscht. Das sind Erfahrungswerte. Aber eigentlich müsste es eine richtige Ausbildung für die Videoschiedsrichter geben, wie eine Lehre.

Sie engagieren sich in der "Kommission Fußball" der DFL. Wie sieht Ihre Arbeit in diesem Gremium aus?

Gemeinsam mit Michael Preetz, Max Eberl, Jochen Saier, Jörg Schmadtke und Stefan Reuter macht das unheimlich großen Spaß. Wir diskutieren viel in der Tiefe über Fußball. Es geht aber auch um viele organisatorische Themen, Spielervermittlung, Third-Party Ownership oder technische Hilfsmittel am Spielfeldrand. Wir haben auch die Empfehlung gegeben, dass es zwei Auswechselspieler mehr auf der Bank geben soll. Die Trainer wünschen sich das, und das wird auch durchgehen.

Als Manager sind Sie auch im Privatleben gefragt. Ihre Frau lebt in Berlin, Ihre erste Tochter macht eine Ausbildung in Stuttgart, die zweite studiert in den USA und Sie selbst sind im Dienst der Eintracht schon mehrfach um die Welt geflogen. Wie organisieren Sie Ihren Familienalltag?

Der Kalender ist voll. Uns als Familie macht es aber nichts aus, dass wir an vier verschiedenen Standorten leben. Das funktioniert besser, als man es sich vorstellen kann. Silvester feiern wir in Frankfurt, diese gemeinsame Zeit wird wie immer sehr intensiv und schön. Heutzutage sind wir durch die Fliegerei, Videoanrufe und andere technische Neuerungen miteinander verbunden, die Welt ist klein geworden. Es geht uns gut, in Gedanken sind wir immer beieinander.

Überkommt Sie nicht manchmal die Sehnsucht nach einem - in Anführungszeichen - normalen Familienalltag?

Meine Töchter sind schon erwachsen und führen ihr eigenes Leben, und meine Frau ist auch häufiger mal länger in Frankfurt. Wenn ich Zeit habe, komme ich nach Berlin. Wir genießen die gemeinsame Zeit, aber es hat auch jeder sein Leben. Mein Job verlangt mir viel Zeit ab, da verliert man dieses "Montag bis Freitag"-Gefühl. Doch er macht mir Spaß! Wenn ich irgendwann keine Lust mehr verspüre, werde ich in Pantoffeln am Frühstückstisch sitzen. Meine arme Frau. (lacht)

Dieser Text erschien am 24. Dezember 2018 im kicker.

Interview: Julian Franzke

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